......................................................................Unsortiert, Verquert, Spontan, Geklaut, Verdaut und Ausgekotzt

Generation

Ich gehöre zu der Generation, die sich mühsam aus dem rechten Sumpf der Frauen/Menschenverachtung heraus kämpfen musste und der man von links permanent predigte, Frauen und Kinderrechte seien ein Nebenwiderspruch mit dem sich später irgendwann zu beschäftigen sei. Fuck you all!

Würde

Welch liebevoller Text:

 
„Gestern mit Opi bei der Bank gewesen, Vollmacht, Online-Banking, dies, das.
 
Bank bis 12:00 offen, verkehrsbedingt gerade noch um 11:45 eingeflogen, habe um Entschuldigung gebeten und mitgeteilt, dass wir auch ein andermal kommen können, wenn’s jetzt zu knapp wird.
 
Beraterin nimmt sich ausgiebig Zeit, auch in ihrer Pause, bietet Getränke an, hört Opi geduldig bei seinen Anekdoten der letzten 70 Jahre zu „wissen Sie noch, wie die Bank mal überfallen wurde?“ (das war vor 40 Jahren), „was macht denn der Herr x?“ (er ist seit 30 Jahren im Ruhestand und bei bester Gesundheit).
 
Ich bin sooooo dankbar, dass das für Opi eine gute Erfahrung war.
 
So dankbar.
 
Er kann kaum noch laufen, hört kaum noch etwas, versteht komplexere Sachverhalte nicht mehr so gut.
 
Aber er ist noch immer da, mit 90 Jahren Lebensleistung auf dem Zettel, er ist weder unsichtbar noch ausrangiert.
 
Ich bin oft mit ihm unterwegs, bisweilen reden die Menschen nur mit mir und über ihn, als wäre er nicht dabei.
 
Es ist doch alles schon schwer genug für ihn, jede Woche verliert er ein Stück Selbstständigkeit.
 
Ihm gebührt noch immer Respekt, seine Würde ist noch immer und auch mit 90 unantastbar.
 
Vielleicht dauert es etwas länger, vielleicht ist es mühselig, aber er hat einfach verdient, dass man sich Zeit für ihn nimmt und ihm zuhört.
 
Danke!“
 
Gefunden auf Twitter von Mark Müller

Erinnerungen

 

Ich erinnere mich an …

 
lange Strickstrümpfe mit Laibchen
das Kratzen auf den Schiefertafeln
Pitralon und Fit
Muscheln, aus denen Bonbon gelutscht wurde
Sütterlin in der Schule
drei schwarz-weiße Fernsehprogramme
Wundertüten
frische Milch in der Kanne
„heile, heile Gänschen“
die erste Mondlandung
den Abschlussball der Tanzschule
VW-Busse mit geteilter Frontscheibe und Seitentüre mit Scharnieren
die Velo-Solex mit Reibrolle
Holzskier mit Spiralbindung und Lederriemen
an das eiskalte Wasser im Schwimmbad, wenn montags das Wasser
gewechselt wurde
Fadenspiele
Sonntagskleidchen
Mädchen mit Affenschaukeln
Rollschuhe mit vier Eisenrollen
den Bravo-Starschnitt
die Augsburger Puppenkiste: Der kleine dicke Ritter Oblong-Fitz-Oblong
den riesigen Waschkessel im Keller, der Montags beheizt wurde
die roten Hände meiner Mutter beim Waschen
Brötchen mit gequetschtem Neger(!)kuss
Sunkist in der Pyramidenpackung
die Eisenbahn meines ältesten Bruders
Klick-Klack-Kugeln
das Testbild im TV
Feuersalamander
ein Plumpsklo mit Toilettenpapier aus Zeitungsstücken
Gummitwist
Cassata-Eis
Rabattmarken, von deren Erlös die Backzutaten für Weihnachten gekauft wurden
Nappos
Buttercreme-Torte
Messingschirmchen mit Servietten
den Knicks
den Scheitel
Sammelbilder in Köllns Kernige Haferflocken
das Magische Auge im Grundig-Radio
Zehnfachwechsler für Single-Schallplatten
Bonanza kommt (samstags 17 Uhr)
Klickern
Raumschiff Orion
Pudelmützen
kurze Lederhosen
Kaugummiautomaten
"Dalli-Dalli"
Kniestrümpfe
Brausestäbchen
meinen ersten Patronenfüller von Brause
ZDF-Hitparade mit Diether Thomas Heck
Hanni und Nanni
Daktari
Fury
Wilma und King
Lassie
Rin Tin Tin
Haferflocken mit Milch und Rosinen zum Abendessen
die Kanne mit Öl neben dem Ofen
Am Fuss der Blauen Berge
Hoola-Hoop-Reifen
Hinkelkasten
den Knick im Sofakissen
samstägliches Baden in einer großen Zinkwanne
Sunkist in der Pyramidenpackung
zehn Lose auf der Kirmes für eine Mark
Kriegsversehrte in dreirädrigen Karren mit Handantrieb
das Sammelkästchen mit nickendem Afrika-Kind
Schrankenwärter
Spielkreisel
den Kohlenkeller
„die Tafel ist noch nicht aufgehoben“
das Sonntagsei
eine Brezel für sieben Pfennige
Wollstrumpfhosen
Atika-Zigaretten
freihändig Radfahren
VW Käfer
Bezaubernde Jeanny
Topflappen häkeln
Kirschen klauen
Freischwimmer
das HB-Männchen
Kulis (Kulenkampf) "Einer wird gewinnen"
Holzschlappen im Sommer
Badekappen mit Blümchen
Tatzen in der Schule
in der Ecke stehen im Klassenzimmer
Silberbesteck für die spätere Aussteuer zu jedem Geburtstag von der Patentante
mein Poesiealbum mit Glanzbildern
Tri-Top
Lebertran
Mini Pli
Marmor, Stein und Eisen
Kreidler Florett
Strohsterne basteln
La, le, lu, und der Mann im Mond schaut zu
unser Grammophon
Schellack-Schallplatten
Lumpensammler
„jetzt reden die Erwachsenen“
Kathreiner Kaffee
Schlüsselblumen am Bach
selbstgebaute Drachen
bleichen der Wäsche im Hof
mein Klappbett
„Licht aus!“
 
Gefunden bei Anner Werner auf facebook.
 
Und ja, ich erinnere mich auch. 😊 Wobei, Lackschühchen am Sonntag, die gab es auch noch.


„Jedes Alter hat seine eigene Schönheit“

Herz umhastet mit stolperndem Schluckauf

die keuchend knarzenden Knochen.

Knie quietscht empört wackelnd die

krampfhaft bibbernden Muskeln an.

Blase verweigert jedwedes Gespräch

mit den eingeschnappten Nieren.

Füße schieben sich mit quellendem

Frohlocken in die aufgepumpten Waden.

Fußnägel krallen sich Halt suchend in

paarungswillig anbiederndes Fleisch.

Haare spielen verschämt grinsend

Haschmichdoch in Kämmen und Bürsten.

Brüste grüßen den kugeligen Bauch

im sanften Vorüberschaukeln.

Arschbacken flirten aufdringlich albern

mit den unwillig ziependen Kniekehlen.

Steife Hände tasten zitternd nach

den verschwommenen Augenblicken.

Haut faltet sich zielorientiert beharrlich

um innovativ braun gesprenkeltes Gelände.

Der Geist schlägt sich entsetzt

vor die gerunzelt weise Stirn.

 

Die Schönheit des Alterns

erschließt sich mir nur langsam.


Corona – kein Land in Sicht.

Wenn ich mir die Videos der Impfverweigerer und deren Gesichter und Mimik anschaue, dann beame ich 50 Jahre zurück und erinnere mich an unsere Demos für bezahlbaren Wohnraum, für die Streichung des §218, für Gleichberechtigung, kostenlosen ÖPNV, ein anderes Schulsystem, und, und, und. Erinnere mich an das hasserfüllte Kreischen vom Straßenrand: „Wenn es euch hier nicht passt, dann geht doch rüber!“
 
Die Überschneidungen in Gestik, Mimik und Geschrei sind frappierend. Was glaubt ihr, was das mit jemanden wie mir macht?
 
Ja, ich verstehe das Leid aufgrund der Pandemie der jungen Leute. Ihre Angst um Zukunft, ihre Hilflosigkeit, ihre Wut über das Zerbrechen von Karriereplänen, ihren Zorn über das Wegbrechen von bisher als selbstverständlich angenommenen Freiheiten. Ich fühle ihre Frustration, ihre Verzweiflung.
 
Aber, was macht diese ganze Scheiße mit einem älteren Menschen wie mir? Glaubt ihr mit 65 hat man keine Zukunftspläne? Glaubt ihr, ich habe mir meinen „Seniorenstatus“ so vorgestellt? Glaubt ihr, ich möchte noch jahrelang, trotz Impfungen, im Zustand der Angst vor Atemlosigkeit und einem Tod, den ich dann nicht mehr selbst gestalten kann, leben? Glaubt ihr, es sei höchst motivierend, wenn einem nach fünfzig Jahren die gleiche Scheiße hoch 10 immer noch um die Ohren knallt? Ja klar, Resilienz habe ich bewiesen, mehr als einmal. Aber vielleicht bin ich erschöpft, weil Alter halt doch etwas mit einem macht. Vielleicht gehen meine körperlichen und seelischen Widerstandskräfte gerade zur Neige. Vielleicht habe auch ich Angst?
 
Also, hören wir auf zu jammern. Was können wir tun, um das Unerträgliche erträglich zu gestalten? Gemeinsam! Jung und Alt. Verdammt.
 
Danke, dass ich auch mal spontan nölen durfte. 😉

Und dann warst du fort

Manche Menschen haben mich in meinem Leben ein Stück des Weges begleitet. Dann sind sie abgebogen. Meistens passte dies ganz gut, war einvernehmlich und das Kapitel konnte im eigenen Lebensbuch gelassen geschlossen werden. Bei einigen jedoch, die sich entfernt hatten, blieb die Gewissheit, dass man sich bestimmt noch einmal wiedersieht, weil so viele Fäden noch zu Ende gesponnen werden wollen. Gemeinsam. Und dann lässt man sich Zeit. Und dann erfährt man, dass dieser Mensch mittlerweile gestorben sei und es bleibt eine tiefe innere Verzweiflung und Leere.
 
Ich lerne (wie viele Male denn noch, Frau Müller?!): Unsere Leben sind nicht unendlich. Der Tod tanzt jede Minute mit. Also, wenn du was zu sagen hast, schiebe es nicht auf. Halte Kontakt, geh auf dein Gegenüber zu. Immer wieder. Lass nichts ungesagt, lass nichts ungelebt. Zeit gibt es nicht im Überfluss. Das Leben wartet nicht auf dich, der Tod nimmt keine Rücksicht auf deine Befindlichkeiten.  *traurig

Meine Seele hat es eilig.

Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt, dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe.

Ich fühle mich wie dieses Kind, das eine Schachtel Bonbons gewonnen hat: die ersten isst sie mit Vergnügen, aber als es merkt, dass nur noch wenige übrig sind, begann es, sie wirklich zu genießen.

Ich habe keine Zeit für endlose Konferenzen, bei denen die Statuten, Regeln, Verfahren und internen Vorschriften besprochen werden, in dem Wissen, dass nichts erreicht wird.

Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.

Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen.

Ich will nicht in Besprechungen sein, in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.

Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.

Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.

Meine Zeit ist zu kurz um Überschriften zu diskutieren. Ich will das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile. Ohne viele Süßigkeiten in der Packung.

Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind.

Menschen, die über ihre Fehler lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden.

Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen.

Die die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten.

Es ist das, was das Leben lebenswert macht.

Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die es verstehen, die Herzen anderer zu berühren.

Menschen, die durch die harten Schläge des Lebens lernten, durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.

Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig, mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.

Ich versuche, keine der Süßigkeiten, die mir noch bleiben, zu verschwenden.

Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden, als die, die ich bereits gegessen habe.

Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen, in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.

Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eins hast.

Mario de Andrade (San Paolo 1893-1945)

Grabinschrift

„Wenn Du mal gestorben bist, lasse ich auf Deinen Grabstein schreiben:

Sie hat nicht gelebt.
Sie hat nicht geliebt.
Sie hat nicht genossen.
Sie hat sich niemals gehen lassen.
Aber es war immer alles sauber.“

(Carla Berling)


Ich würde ja im Grab rotieren und vor Entsetzen glatt nochmals sterben. 

Single, und nun?

„Frau Müller, Sie sind seit einigen Jahren Single. Stört Sie das nicht? Vermissen Sie nichts?“

„Nein. Ich hatte meine Beziehungserfahrungen. Manche verdammt gut, manche sehr schräg, manche erbärmlich, manche gefährlich – alle ausgesprochen lehrreich.“

„Und nun sind Sie zufrieden? Nicht einsam?“

„Zufrieden ja. Einsam manchmal. Allerdings wäre mir heute der Preis für eine innige, konventionelle Zweierbeziehung in manchen Bereichen viel zu hoch.“

„Fehlen Ihnen nicht Sinnlichkeiten und Erotik?“

„Sie meinen Sex? Dafür brauche ich heute keine feste Partnerschaft mehr mit allem Drum und Dran. Ich kann ganz gut für mich sorgen und muss bei Befriedigung meiner derartigen Bedürfnisse nicht mehr gleich in die Beziehungskiste springen.“

„Welche Art von Partnerschaft könnten Sie sich denn heute vorstellen für sich?“

„Zwei Modelle. Modell eins: Ich treffe auf einen Menschen, dessen Interessen, Wissen, Humor, Erfahrungen, Haltung, Menschenbild, Spontanität, Sinnlichkeiten und Sehnsüchte sich von jetzt auf gleich mit den meinen derartig verzahnen, so dass die Form der Beziehung unerheblicher Schnickschnack wäre, der keiner sofortigen Klärung bedürfte. So als würde man sich schon seit ewigen Zeiten kennen. Kein Beginn bei null, sondern gleich mittendrin. Modell zwei, und Achtung, hier wird es müllerisch: Ein Mensch, der gänzlich anders tickt als ich, mich aber durch dieses Anderssein dermaßen verzückt, dass ich ihm durch die ganze Welt (im wörtlichen Sinne) folgen und ihn begleiten würde bei seinen Lebensabenteuern. Als Gefährtin, Beraterin, Zuschauerin, Teilende im Sinne von: Wir lachen uns gemeinsam schräg über seine und meine amüsanten und manchmal verworrenen Unternehmungen zur Befriedigung unserer jeweiligen Lebensgelüste. Übrigens in beiden Fällen spielen für mich Geschlecht gar keine und Alter nur eine situationsbedingt jeweils genau zu überprüfende Rolle.“

„Nun, Frau Müller, das sind Vorstellungen, die kaum zu erfüllen sein werden und auch sehr wenig mit klassischen Beziehungsmodellen zu tun haben.“

„Ach? Wir werden sehen. Und bis dahin habe ich ja mich und meine Zufriedenheit mit mir. Ausreichend, ausgesprochen ausreichend.“

Missverständnisse. Grundlegende.

„Was heute so in der Welt los ist, das ist ja erschreckend!“

„Die Busfahrt in die nächste Stadt kostet mich jetzt zehn Euro hin und zurück. Das kann ich mir von meiner Rente gar nicht leisten.“

„Ähm, ich meinte eher so das Politische.“

„Der Bäcker hat jetzt auch zu gemacht. Wenn ich frisches Brot will, dann muss ich in den nächsten Ort fahren. Das schaffe ich im Winter oft gar nicht.“

„Die Rechten, die USA, der Nahostkonflikt!“

„Wenn mein Hausarzt jetzt seine Praxis aufgibt, dann gibt es hier keinen Arzt mehr. Nur noch in den großen Gemeinden. Das macht mir Angst.“

„Man, du hast doch bestimmt auch gehört, was der Höcke und der Trump so menschenverachtendes von sich geben?!“

„Manchmal schaffe ich es nicht mehr dreimal am Tag mit meinem Hund Gassi zu gehen. Die Beine wollen nicht mehr. Was soll ich bloß machen, wenn das noch schlimmer wird?“

„Wen wirst du wählen im September?“

„Immer öfter fühle ich mich so einsam und allein gelassen. Meine Kinder leben ihr eigenes Leben und viele meiner Freundinnen von früher sind entweder tot oder weggezogen. Ich weine dann manchmal.“

„Mein Gott, du bist ja so unpolitisch. Kein Wunder, dass die Rechten immer mehr werden und die Welt zugrunde geht!“



Wir sprechen zu oft über die falschen Menschen und Dinge. Wir hören nicht zu. 

Vorsorgen

Bundesregierung warnt vor Altersarmut besonders für Geringverdiener und rät zur Privatvorsorge. Also los, ihr Geringverdiener, schnappt euch die nächsten Aktienbündel, kauft Wohnungen, Häuser, Wertpapiere und all das Zeugs! Ansonsten seid ihr selber schuld, wenn es euch finanziell mies geht im Alter! *andenkoppklatsch

*Anmerkung
Die meinen das wirklich ernst. Was nehmen die für ein Zeugs so im Laufe des Tages?

**Anmerkung
Das ist übrigen genauso ein sinnfreies Geplapper wie die 5000 Euro Strafe für einen Hartz IV Empfänger wegen irgendwelcher Falschangaben: Wenn ich so viel Geld habe um diese Strafe bezahlen zu können, dann geh ich auch bestimmt aufs Amt und setz mich all diesen Erniedrigungen aus. Ist klar, oder?

Willst du mit mir gehen?

"Ich denke, die größte Angst vor dem Tod kommt daher, dass Menschen das Gefühl haben, sie hätten nie wirklich gelebt. Sie haben Angst zu sterben, weil ihre Leben unfertig sind."

Ich kann mir nicht wirklich vorstellen wie das ist. Nein, nicht das Sterben, sondern dieses Gefühl nicht richtig gelebt zu haben. Meine Mutter, sie starb in genau dem Alter in dem ich mich jetzt befinde, hatte dieses Gefühl wohl. Das waren so viel Traurigkeit, so viel Zorn auf all die Ungerechtigkeiten und falschen Entscheidungen in ihrem Leben und so viel Angst vor dem Gehen müssen. Ich glaube, wir haben das letzte halbe Jahr damit verbracht ihr Leben zu sortieren und das einmalig Wunderbare in jedem Lebensabschnitt heraus zu arbeiten. Ja, am Schluss waren da mehr Gelassenheit und weniger Zorn. Aber, so richtig bereit zum Gehen war sie nicht.

Wenn ich an meinen Tod denke, dann habe ich das mir sehr früh geschenkte Bild von Castanedas Don Juan im Kopf, dass dir der Tod ein Leben lang über die Schulter guckt. Manchmal grüß ich ihn, manchmal halte ich Zwiesprache mit ihm und sehr oft halte ich inne und ziehe Resümee über mein bisheriges Leben und stelle mir vor, wie es sein würde, wenn er mich jetzt auffordern würde mit ihm zu gehen. Meistens würde ich ihm unbeschwert folgen können. An den Tagen, wo es nicht so ist, schaue ich mir genau an, woran es liegen könnte, was ich nicht loslassen will in diesem Moment und versuche es zu entwurschteln.

Und so komisch es sich anhören mag, grundsätzlich überwiegt doch die Neugierde meine Traurigkeit. Sterben und der Tod sind für mich das letzte Abenteuer, das ich nicht gedanklich vorwegnehmen, nicht vorfühlen und nicht durch innere Bilder und Filme vorab banalisieren kann. Ich kann es nur erleben, indem ich es irgendwann real leben werde. Den Tod (er)leben - was für ein irres Sprachgebilde.

Verbündete

Blitzlichter von Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis (dem zunehmenden Alter geschuldet?), die ich bisher gar nicht zu haben glaubte. Staunendes Annähern und wachsender Respekt  für die Kleine in mir. Ich lieb sie, immer mehr.

Was für ein irrer und verrückter Prozess. Noch ganz am Anfang. Das wird spannend.

Tischgespräche

„Mit zunehmendem Alter verändert sich mein Körper. Zipperleins und Befindlichkeitsstörungen melden sich in kürzeren Abständen. Selbstheilungskräfte haben öfters Schluckauf an der Startlinie. Falten, Flecken, Kuhlen, dünneres Haar, hängendes Kinngeschwabbel und schwimmende Augen in der Früh schieben sich vergnügt tänzelnd in den Vordergrund. Alles wohl im Rahmen, alles normal, hört man.“

„Das haben Sie aber schön geschrieben, Frau Müller! Dann scheinen Sie ja endlich recht versöhnt mit dem Altern zu sein. Das ist doch gut!“

„Versöhnt? Sie haben doch nen Knall. Da ist nix mit versöhnt. Was für ein scheiß Gesäusel ist das überhaupt? Versöhnt, versöhnt, versöhnt. Gestern sagte mir die Dame beim Friseur kaltherzig, mit nicht zu überhörendem Hinweis auf ihr junges Alter im Nebensatz, ins Gesicht hinein, dass ich mir das Haarefärben für dieses Leben ab jetzt abschminken könne. Hielten die zimperlichen Haarwurzeln angeblich nicht mehr so gut aus. Die gäben dann nämlich auf! Ich glaub, ich spinne. Wie können die es sich erlauben aufzugeben? Sehe ich aus, als würde ich aufgeben? Pah!“

„Na ja, las ich nicht neulich in einer Zeitschrift, dass graue Haare der letzte moderne Schrei seien. Sie sollten sich freuen, Sie sind doch bald total  In.“

„Und Sie sollten nicht solch einen Schund lesen. Das ist ja erbärmlich mir nun ausgerechnet damit zu kommen. Ich ergraue mit jedem Tag mehr, finde dies nicht witzig und die vorgeblich damit verbundene Würde können Sie sich ja gerne in Ihre nicht vorhandenen Haare schmieren.“  

Schlussworte

Wegweiser: "Würdest du dich auch so entscheiden, wenn du wüßtest, dass du nur noch kurze Zeit zu leben hättest?"

Frau Birkenbihls Schlusswort

Ach mein Herz in tiefer Trauer

Jeder Mensch hat seinen ganz eigenen Weg mit Trauer umzugehen. Da gibt es kein richtig oder falsch. Da gibt es auch keine verallgemeinerbaren Zeitvorgaben.

Trauern im öffentlichen Raum ist jedoch nach wie vor ein Tabu Thema. Trauern tut man hinter verschlossenen Türen, ganz tief in sich drin. Hinter den hohen Mauern von zugeschriebener Depression jedoch darf unsere Trauer ab und an mal verschämt hervorblinzeln.


Trauer muss sich nicht rechtfertigen. Es wäre schön, wenn sie ganz unverkrampft einfach sein dürfte.


Feudel

Die Endlichkeit des eigenen Lebens wird einem durch das Sterben der vorangegangenen Generation quasi wie mit nem Feudel um die Ohren geknallt, damit man es ja nur nicht übersieht.

Halte dich.

Deine Hände zittern. Dein Mund murmelt Bläschen kauend zahnlos vor sich hin. Ab und an zuckt dein Bein, wie das eines kleinen Hündchens, im Schlaf. Dein Atem geht schwer und zögerlich. Deine Augen, vom Sandmann bestäubt, schauen blicklos zwischen den gefalteten Lidern hervor. Seit Stunden liege ich neben dir. Dein Anblick ermüdet mich nicht. Immer noch nicht. Nach all den Jahren, so vielen Jahren, kenne ich jede Regung, jeden Atemzug von dir. Bin ganz bei dir, ahne jede Zuckung, jedes Räuspern, jeden Aussetzer schon im Voraus. Atme mit dir. Du bist mir so nah. Hineinkriechen möchte ich in dich. Unsere Häute miteinander vernähen, dich ausfüllen mit mir, mich durchdrungen fühlen von dir. Streichelnd wandern meine Hände über deinen Körper, begrüßen jede Falte, jede Kuhle wie alte Freunde. Halten inne, erinnern sich gemeinsam. Ich halte dich. Du hältst mich. Auch wenn deine Arme keine Kraft mehr haben mich zu umschlingen, webst du wie immer einen sicheren Kokon um mich. Flüsternd ziehe ich dich mit mir in unsere Bilderwelt. Hauche Liebesworte, die unseren, sanft in dein Ohr. Singe dir unsere Träume, unser Leben, unsere Hoffnungen. Halte dich. Halte dich. Halte dich. Atme weiter für dich, wenn dein Atem nun schweigt. Lass dich gehen. Nehm dich mit.  

Schönheit

Altern ist ein Prozess. Beginnt bei der Geburt. Weiß ich. Dachte ich zu wissen. Hahaha, ich lach mich tot. (Also nicht wirklich.) Da ist anscheinend noch ne Menge Luft für tieferes Verständnis, Akzeptanz und einem freudig SichDreinGeben in mir.  Im Augenblick scheine ich eher in dieser Phase des „Sag mal Köper, spinnst du!“ verfangen zu sein. Er weigert sich, mit allen Tricks und voller Tücke, brav zu machen, was ich von ihm erwarte. Er zickt rum. Das kann ich ihm nicht durchgehen lassen. Also mute ich ihm einfach das zu, was er vor Jahrzehnten locker im Vorrübergehen gebracht hat. Ab und an lege ich sogar noch ne Schippe drauf. So als Anregung. Aber, er kämpft mit harten Bandagen gegen diese Zumutungen. Wir liegen quasi aktiv im Clinch miteinander. Er gewinnt. Absehbar. Das macht mich wütend. Wie mein Verstand sich in diesem Gerangel positioniert? Der verkrümelt sich mit nem Tässchen Tee, ner Kuscheldecke und Bücher über Körpersoziologie aufs innere Sofa, grinst weise und lässt mich toben. Verräter! Ich könnt kotzen! … Nein! Das gönne ich ihm nicht. Dem Körper. Und dem anderen auch nicht. *grummel


Never

„When I first found out how babies were born, I couldn't believe
it. To think that my mother and father could do such a thing.”

Then, after a moment's reflection:

“My father-maybe: but my mother-never!”


(O'Donohue 1987)